SilvanAls ich Mitte September meine Schwangerschaft
feststellte, war ich sofort hin- und hergerissen. Einerseits freute ich
mich riesig, andererseits kam sofort grosse Angst in mir auf, dass ich
das Baby wieder verlieren könnte. Die Geburt unserer Tochter Noëmi lag
damals fast 3 Jahre zurück und in den letzen 1½ Jahren erlitt ich zwei
Fehlgeburten. Dominik, mein Mann war von Anfang an überzeugt, dass
dieses Mal alles gutgehen würde, vor allem auch, weil mir schon
ziemlich bald jeden Morgen übel war. Beim ersten Arztbesuch in der 8. Schwangerschaftswoche
schien alles ganz normal. Das kleine Herz schlug und der Arzt machte uns
(vor allem mir) Hoffnung, dass es dieses Mal nicht wieder zu einer
Fehlgeburt kommen sollte, da nach seinen Angaben 98% der
Schwangerschaften, bei welchen man das Herz des Babys schlagen sieht,
gut enden. Ich war zuversichtlich und machte mir keine Gedanken darüber,
dass meine Schwangerschaft zu den restlichen 2% zählen könnte. Da die Schwangerschaft nun „medizinisch“ bestätigt
war, begannen wir unsere Familie und Freunde zu informieren und auch Noëmi
freute sich riesig über die Nachricht, dass Mama ein Baby im Bauch hat.
Ab und zu kamen leichte Zweifel auf, aber Dominik erinnerte mich immer
wieder an das Ultraschallbild und meine Übelkeit…! Der nächste Termin beim Arzt war in der 12.
Schwangerschaftswoche geplant. Wir freuten uns sehr darauf, die ganze
„Morphologie“ des Babys zu sehen. Beim Messen der Nackenfalte
stockte der Arzt zum ersten Mal. Sie sei breiter als normal, was auf
Trisomie 21 schliessen könnte. Dann versuchte er uns die Arme und Beine
zu zeigen, was ihm aber nicht recht gelang. Mein Arzt gab sich äusserlich
ruhig, schien aber doch irgendwie beunruhigt. Heute weiss ich, dass er
schon damals genau wusste, dass irgendetwas nicht stimmte. Er machte uns
trotzdem Hoffnung und sagte, er wolle nichts verschreien und wir sollten
nun so gelassen wie möglich das Resultat der Blutanalyse abwarten. Da
es Freitag war, dauerte die ganze Warterei halt 2 Tage länger. Am
folgenden Mittwoch rief mich der Arzt an und teilte mir mit, dass die
Blutwerte okay seien und das Risiko für Trisomie 21 sehr gering sei. Er
klang jedoch beunruhigt und sagte mir, dass ihm die Länge der Arme und
Beine einfach keine Ruhe lasse. Sollten wir einverstanden sein, überweise
er mich zur genaueren Abklärung an die Universitätsklinik in Lausanne
(CHUV), wo sie über bessere Ultraschall Geräte verfügen. Und sollte
sich sein Verdacht verhärten, müssten wir uns nachher überlegen, ob
wir die Schwangerschaft allenfalls abbrechen wollten, da er mir
keineswegs ein behindertes Kind wünsche. Ich sagte ihm, dass für uns
zum jetzigen Zeitpunkt eine Abtreibung nicht in Frage komme, ich aber
gerne für genauere Untersuchungen in den CHUV gehe. So kam es, dass ich am darauf folgenden Tag nach
Lausanne fuhr. Leider musste ich alleine gehen, da mein Mann einen geschäftlichen
Termin hatte, den er weder verschieben, noch absagen konnte. Die
behandelnde Ärztin erschien mir zuerst ganz sympathisch. Nach einiger
Zeit wurde sie allerdings sichtlich nervöser und fuhr auch immer
unsanfter mit der US-Sonde auf meinem Bauch herum, was mich sehr
verunsicherte. Sie sprach kaum und versuchte, die Extremitäten des
Babys zu messen. Eine anwesende Krankenschwester speicherte die Zahlen
im Computer. Ich verstand bei weitem nicht alles, aber ich werde nie
mehr vergessen, dass zu jenem Zeitpunkt der Fuss etwa gleich lang war,
wie Ober- und Unterschenkel zusammen. Während ich den
Ultraschall-Bildschirm keine Sekunde aus den Augen liess, wurde mir
immer klarer, dass irgendetwas mit unserem Baby nicht in Ordnung war.
Ein paar Tränen kullerten über meine Wangen. Nach einiger Zeit wandte sich die Ärztin mit folgenden
Worten an mich: „Ich muss ihnen
leider sagen, dass ich zum gleichen Ergebnis komme, wie ihr Gynäkologe.
Die Arme und Beine ihres Babys sind zu kurz. Zudem scheint mir der Kopf
zu gross. Dies ist mit dem Leben nicht kompatibel. Es wäre gut, wenn
sie die Schwangerschaft noch 2 – 3 Wochen fortsetzen würden, um die
Ursachen genauer abzuklären und allfällige Risiken bei einer weiteren
Schwangerschaft ausschliessen zu können. Falls das aber eine zu grosse
Belastung für sie wäre, können sie diese Schwangerschaft natürlich
auch sofort abbrechen. Wenn sie einverstanden sind, möchte ich das
ganze noch meiner Chefin zeigen.“ Mir war sofort klar, dass ich mit dieser Frau nicht über
sein oder nicht sein unseres Babys sprechen wollte, willigte aber einer
weiteren Untersuchung im Beisein ihrer Chefin ein. Nach einer kurzen
Wartezeit führten mich die beiden in ein anderes Zimmer mit einem noch
moderneren Ultraschallgerät. Wiederum fixierte ich den Bildschirm, während
die beiden das Baby untersuchten. Immer wieder liefen mir Tränen über
die Wangen... ich ahnte Schlimmes. Die Chefärztin erklärte mir nochmals ruhig, dass auch
sie der Ansicht sei, dass die Extremitäten unseres Babys zu kurz seien.
Sie riet mir zu einer Chorionzottenbiopsie (Plazenta-Chromosomentnahme).
Auch sie erwähnte einen Schwangerschafts-Abbruch, sagte mir aber klar,
dass ein solcher Entscheid nicht einfach so gefällt werden sollte und
ich jetzt am besten einfach einmal heimgehen solle, um das ganze mit
meinem Mann zu besprechen. Wir vereinbarten einen Termin für die
Chorionzottenbiopsie am nächsten Tag und ich verliess das Spital so
schnell wie möglich. Als ich endlich im Auto sass, konnte ich meinen Tränen
freien Lauf lassen. Zu Hause wartete Dominik schon auf mich und als ich
ihm alles erzählt hatte, weinten wir zusammen. Er machte sich Vorwürfe,
weil ich das alles alleine über mich ergehen lassen musste. Nach einer
Weile holten wir Noëmi bei einer Freundin ab. Sie wollte natürlich
wissen, weshalb wir alle so traurig seien. Wir wollten von Anfang an
ehrlich sein mit unserer Tochter und sagten ihr, das Baby sei krank,
ohne genauere Details zu nennen. Als wir am nächsten Tag zur Chromosomentnahme im
Spital eintrafen, war ich froh, dass nur die Chefärztin dort war. Sie
machte noch einmal eine Ultraschall-Untersuchung damit auch Dominik sich
ein Bild machen konnte. Der Eingriff danach verlief problemlos und
Dominik war nach diesem Gespräch schon wieder viel optimistischer. Er
machte mir Mut, positiv zu denken. Denn bis jetzt konnten die Ärzte
"nur" eine Art von Zwergwüchsigkeit diagnostizieren und es
bestand berechtigte Hoffnung, dass alles andere normal sei. In den Tagen, in denen wir auf das Resultat warten
mussten, klammerten wir uns an diese Hoffnung und als wir 2½ Wochen später
ins Spital fuhren um das Resultat zu erfahren, waren wir guten Mutes.
Die Ärztin musste zuerst noch ein paar interne Telefonate erledigen, da
sie den schriftlichen Bericht nicht erhalten hatte, obwohl die Tests
abgeschlossen waren. Während wir auf den „Briefträger“ warteten,
machte sie eine weitere Ultraschall-Untersuchung. Sie war ruhig aber
irgendwie beängstigte mich diese Ruhe. Als sie fertig war erklärte sie
uns, dass alle Glieder nach wie vor zu kurz seien und dass sie bereits
eine Missbildung des Brustkastens erkennen könne. Was das bedeutete,
begriff ich erst als sie die Frage meines Mannes: „wird
unser Baby lebensfähig sein?“ verneinte. Ich verstand die Welt nicht mehr. Was hat der
Brustkasten mit den zu kurzen Armen und Beinen zu tun? Mittlerweile waren auch die Resultate des
Chromosomen-Tests eingetroffen. Es wurde keine Anomalie festgestellt.
Wie war das möglich? Alle Chromosome waren in Ordnung, doch unser Baby
wird nicht überleben können? Die Ärztin rief sofort eine Genetikerin mit
Spezialgebiet Knochenkrankheiten an und nachdem sie uns für kurze Zeit
alleine liess, wechselten wir in ihr Büro. Nachdem sie einen einfachen
genetischen Stammbaum erstellt hatte, erklärte sie uns, dass es sich
ziemlich sicher um eine sehr seltene Knochenkrankheit handle, den
„nanisme thanatophore“, was soviel wie „tödlicher Zwergwuchs“
heisst. Ein Fötus, bei dem man in einem so frühen Stadium solche
Missbildungen beim Brustkorb feststelle, könne nie aus eigener Kraft
atmen, da sich die Lungen gar nicht richtig entwickeln können. Natürlich kam nun die Frage nach einer Abtreibung
wieder auf. Für die Genetikerin war klar, dass die Natur bereits
entschieden habe, es gehe nun nur noch um den Zeitpunkt. Sie könne uns
zwar diese Entscheidung nicht abnehmen, es gäbe aber nur wenige Paare,
die sich nach einer solchen Diagnose, für ein Weitermachen entscheiden.
Beide Ärztinnen boten uns ihre Unterstützung an, egal wie unsere
Entscheidung ausfallen sollte. Die beiden Ärztinnen im CHUV waren
sowohl fachlich als auch psychologisch äusserst korrekt. Für uns war
allerdings klar, dass wir uns nun wieder an meinen Gynäkologen wenden würden,
bei ihm fühlten wir uns wohler und besser aufgehoben. Zu Hause angekommen, weinten wir beide eine ganze Weile
und fühlten uns einfach so ziemlich hilflos. Wieso darf unser Baby nie
leben? Wir hatten uns bereits damit abgefunden, dass unser Kind mit
grosser Wahrscheinlichkeit körperlich behindert sein wird, und nun das.
Nach einiger Zeit fragte mich Dominik, ob ich es
alleine aushalte, er müsse sich beschäftigen und in unserem zukünftigen
Haus, gab es noch so einiges zu tun. Ja, das alles geschah kurz vor dem
Umzug in unser Eigenheim. Am Nachmittag rief mich mein Arzt an und fragte nach
meinem Befinden. Er hatte die positiven Resultate des Chromosomen-Tests
erhalten, wusste aber nichts vom Ultraschall-Befund. Ich erklärte ihm
alles und er war natürlich sehr betroffen. Da er wusste, dass wir
bisher klar gegen eine Abtreibung waren, riet er mir, nichts zu überstürzen
und das Ganze gut zu überdenken. Er sagte auch, ich könne ihn
jederzeit, auch am Wochenende anrufen, sollte ich es nicht mehr
aushalten. Die darauffolgenden Tage gehören zu den Schlimmsten
meines Lebens. Mal wollte ich diese Schwangerschaft so schnell wie möglich
beenden, da ich auch der Ansicht war, dass es nun einfach nur noch um
den Zeitpunkt geht, kurz darauf verstand ich mich selbst nicht mehr,
weshalb ich überhaupt eine Abtreibung in Erwägung zog. Ich fühlte
mich ganz einfach hin und her gerissen und wusste weder ein noch aus.
Niemand fand die richtigen Worte und niemand konnte mich vom einen oder
anderen Weg überzeugen. Nach drei wirklich schlechten Tagen, telefonierte ich
mit meiner Schwägerin. Wahrscheinlich werde ich nie mehr vergessen was
sie mir sagte, denn von da an war für mich klar was ich zu tun hatte: „Du
wirst keinen Arzt finden, der eine andere Diagnose stellt und der es
wagt, dir Hoffnung zu machen dass euer Baby ev. doch lebensfähig sei.
Solltest du abtreiben, wird sich niemand getrauen, diese Entscheidung zu
verurteilen, im Gegenteil, die allermeisten würden dich verstehen. Aber
wenn du ganz tief in deinem Inneren nicht 100 prozentig davon überzeugt
bist, wirst du nie Frieden finden. Du musst entscheiden, ob du diese
schweren Monate auf dich nehmen willst, so dass du dir nie auch nur den
geringsten Vorwurf machen müsstest, oder ob du abbrichst mit dem Risiko
nie ganz darüber hinweg zu kommen“. Sie erzählte mir darauf von
einem Paar, welches ein Baby mit Anencephalie erwartete und sich
entschied, zu dem Zeitpunkt, (34. – 35. Schwangerschaftswoche) an
welchem ein gesundes Baby mit allergrösster Wahrscheinlichkeit überleben
würde, die Geburt einzuleiten. Das von ihnen gewählte Datum war der
darauffolgende Tag. Plötzlich fühlte ich mich nicht mehr ganz alleine.
Bisher hatte ich das Gefühl, dass noch nie jemand in so einer Situation
war und nun gab es sogar Leute, die diese für mich so endlos
scheinenden verbleibenden Monate bereits gemeistert hatten. An jenem
Abend entschied ich mich
die Schwangerschaft nicht abzubrechen und zu meinem Erstaunen ging es
mir von da an besser. Ein enormer Druck war weg und ich begann, trotz düsterer
Aussichten, nach vorne zu schauen. Dominik hat meinen Beschluss nie in Frage gestellt, er
hat mir immer gesagt, er stände so oder so zu mir. Und als er sah, dass
es mir auf einmal wieder besser ging, waren auch bei ihm die letzten
Zweifel, ob wir das schaffen würden, weg. Der nächste Arztbesuch folgte ein paar Tage später
und wir erzählten ihm von unserem Entscheid. Dr. K. hat kein einziges
Mal versucht, uns zu entmutigen, sondern hat unsere Entscheidung sofort
akzeptiert. Ihm war es einfach wichtig, dass wir meine Gesundheit im
Auge behalten. Da ich zu jenem Zeitpunkt das Baby noch nicht spürte und
somit nicht gemerkt hätte, wenn es stirbt, riet er uns zu einem 2-wöchigen
Untersuchungs-Rythmus um jegliches Risiko auszuschliessen. Am Ende jenes
Besuchs fragten wir noch nach dem Geschlecht des Babys. Bei Noëmi
liessen wir uns überraschen, aber da diesmal alles anders war, wollten
wir nicht bis zur Geburt warten. Wir hatten beide das Gefühl, es sei
ein Junge, und so war es denn auch. Wir wollten ihm so schnell wie möglich
einen Namen geben und entschieden uns, ihn Silvan zu nennen. Dies alles ereignete sich in den ersten Dezembertagen
2004. Der Umzug in unser Haus (zwei Tage nach Weihnachten) stand kurz
bevor, und wir waren froh, dass wir sehr beschäftigt waren und uns
nicht so viel Zeit zum Nachdenken blieb. Drei Tage vor Weihnachten brachte meine Schwester ihr
erstes Mädchen zur Welt. Wir freuten uns so gut es ging mit ihnen, aber
es war nicht ganz einfach. Kurz nach Neujahr teilte mir eine meiner
Freundinnen mit, dass sie schwanger sei. Das war ein sehr harter Schlag
für mich. Ich war mir bewusst, dass sie eigentlich ein zweites Kind
wollten, wusste aber auch, dass sie es nicht eilig hatten und es egal
gewesen wäre, wenn sie in nächster Zeit nicht schwanger würde. Natürlich
war die Situation auch für sie nicht einfach. Mitte Januar fuhr mein
Mann in die Skiferien und als in jener Woche eine andere Freundin anrief
und mir erzählte, sie sei schwanger, war ich am Boden zerstört. Am
Wochenende sollte ich an einem christlichen Treffen für Frauen
teilnehmen, zu welchem mich eine Bekannte schon im Sommer eingeladen
hatte. Ich hatte absolut keine Lust hinzufahren, ging dann aber
trotzdem, schaden kann’s ja nicht… Meine Bekannte war überzeugt,
dass es mir etwas bringt und als bei unserer Ankunft auf der
Programm-Tafel für den nächsten Tag unter anderem ein Seminar mit dem
Thema „Gott heilt auch heute noch“ stand, meinte sie nur so: „siehst
du, ich hab’s ja gewusst, das ist für dich“. Ich war zwar gar
nicht ihrer Meinung, besuchte das Seminar dann aber trotzdem. Es war interessant zu sehen, dass es auch heute noch
Wunder gibt, welche aus menschlichen Standpunkten unmöglich sind.
Obwohl das Haupt-Thema des Weekends ein anderes war, ging es bei
verschiedenen Vorträgen immer wieder um Wunder und Heilung. In unserem
Bekanntenkreis gab es von Anfang an Leute, welche sagten, wir müssten
um Heilung für Silvan beten, aber wir waren eigentlich anderer Ansicht.
Es ist mir bis heute nicht klar, weshalb ich mir nach diesem Wochenende
plötzlich nicht mehr so sicher war, ob es nicht doch noch ein Wunder
geben könnte. Eine Freundin bemerkte später, vielleicht war es, dass
ich in dieser nicht ganz einfachen Zeit den Kopf nicht hängen liess,
und ein winziges Fünkchen Hoffnung behielt. Jedenfalls kann ich sagen,
dass es mir von da an noch besser ging und bis zum Schluss der
Schwangerschaft fragten mich immer wieder Leute, weshalb ich trotz allem
noch lachen könne. Ich blieb realistisch, falls ich mal kurz auf einer
Wolke war, holte mich spätestens der nächste Arztbesuch wieder runter.
Die Hoffnung und der Glaube an ein Wunder blieben aber im Hinterkopf.
Dies erzählte ich natürlich nur sehr wenigen Leuten, sonst hätten
alle gedacht, ich sei übergeschnappt…! Um
die 30. Woche fragte mich mein Arzt, ob ich die Geburt bald einleiten möchte,
worauf ich aber abwinkte. Vom Moment an, als ich Silvans Bewegungen spürte,
wollte ich nichts mehr von einer frühen Geburtseinleitung wissen. In
der Zwischenzeit hatte ich auch mehrere Berichte von Frauen gelesen,
welche bis zum Schluss warteten, wie bei einer normalen Schwangerschaft.
Dr. K. war von der Idee einer Spontangeburt nicht so
begeistert, da er das Personal der Klinik ein bisschen vorbereiten
wollte. So willigten wir denn ein, 2 – 3 Wochen vor dem errechneten
Geburtstermin einzuleiten. Leider gab es noch ein kleineres Problem mit
Silvans Stellung in meinem Bauch. Er hatte die übliche Geburtsposition
(Kopf nach unten) nicht eingenommen, was die Entbindung nicht
vereinfachen würde. Mein Arzt wollte einen Kaiserschnitt verhindern, da
er mich von einem längeren Spitalaufenthalt ohne Baby verschonen wollte
und so entschieden wir uns für den Versuch, Silvan zu drehen. Ich hatte
zwar nicht viel Gutes von solchen Drehungen gehört, vertraute aber Dr.
K. voll und ganz. Nach anfänglichem Wiederstand gab Silvan nach und
liess sich tatsächlich drehen – ein Problem weniger. In der 35. Woche organisierte mein Arzt ein Briefing
mit der Chef-Hebamme, der Anästhesistin und dem Kinderarzt, kurz, dem
Team, das bei der Geburt dabei sein sollten. Die Ärzte hätten gerne
einen Termin in der darauf folgenden Woche festgelegt. Für uns ging
aber auf einmal alles ein bisschen zu schnell und wir einigten uns auf
einen Termin 2 Wochen später. Am folgenden Wochenende waren meine
Eltern zu Besuch. Das war schon lange so geplant, sie wollten vor der
Geburt nochmals ein paar Tage mit uns verbringen. Dominik musste am
Samstagnachmittag arbeiten und mein Vater half mir, trotz widerlichem
Wetter, unseren Garten zu bepflanzen (d.h. ich gab Anweisungen und er führte
aus). Am frühen Abend, nach getaner Arbeit musste ich auf die Toilette
und war erstaunt, dass ich kurze Zeit später wieder „nass“ war. Mir
wurde mulmig und als es auch nach dem Abendessen immer noch lief, rief
ich eine Hebamme in der Klinik an. Sie konnte natürlich keine
Ferndiagnose stellen, bestätigte mir aber, dass ich ziemlich sicher das
Fruchtwasser verliere und ich somit noch am selben Abend zur Kontrolle
kommen müsse. Mein Mann war natürlich überrascht, als ich ihn vor
Arbeitsschluss anrief und ihm sagte, dass wir uns auf den Weg in die
Klinik machen müssen. Als ich Noëmi erklärte, dass ich ins Spital müsse,
da das Baby bald kommen würde, begann sie zu weinen. Sie verstand natürlich
nicht, weshalb alles auf einmal so schnell ging. Zum Glück waren die
Grosseltern da und wir mussten uns nicht noch um einen Babysitter kümmern.
Als wir gegen 22h00 in der Klinik ankamen, hatte die Hebamme meinen Arzt
bereits informiert, und wenige Minuten später war er auch schon da. Der Verdacht bestätigte sich, ich verlor Fruchtwasser.
Da die Wehen jedoch noch nicht eintraten, riet der Arzt Dominik,
nochmals nach Hause zu fahren um zu schlafen. Ich musste natürlich dort
bleiben. Eigentlich wollten beide, Dominik und Dr. K., am anderen Tag um
8h00 in der Klinik sein, da es aber die ganze Nacht schneite, herrschte
am Sonntagmorgen in der ganzen Region ein ziemliches Chaos auf den
Strassen. Während wir auf den Arzt warteten, fragte ich die Hebamme, ob
sie nochmals einen Ultraschall machen könne, da ich ziemlich sicher
war, dass sich Silvan wieder gedreht hatte und sein Kopf oben war. Ich
hatte recht… Für die Hebamme war klar, dass es nun einen
Kaiserschnitt gäbe. Wir winkten ab und erklärten ihr, dass wir alles
mit dem Arzt besprochen und uns für eine „Steisslagen-Geburt“
entschieden hatten. Dr. K. untersuchte mich auch noch einmal und gegen
11h00 erhielt ich dann die erste Dosis Wehenmittel. Die Wirkung liess zu
wünschen übrig und 2h später erhielt ich die zweite Dosis. Langsam
aber sicher setzten die Wehen ein. Am frühen Nachmittag besuchte mich
der Kinderarzt (mein Arzt informierte ihn am Morgen), da ich aber nur
schwache Wehen hatte, ging er wieder nach Hause. Die Wehen wurden stärker,
waren aber zu kurz. Gegen 16h00 bat ich die Hebamme, den Anästhesisten
anzurufen für eine PDA, da ich keine Lust hatte, mich allzu lange zu quälen,
zumal es ganz so aussah als ob es noch eine Weile dauern würde. Da aber
eine andere Frau zur selben Zeit ein Baby per Kaiserschnitt zur Welt
brachte, musste ich recht lange warten. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit
und als der Anästhesist endlich mit der Arbeit anfangen konnte, musste
er immer wieder unterbrechen, da die Abstände zwischen den Wehen nun
sehr kurz und die Wehen sehr intensiv waren. Als er fertig war, ging
alles sehr schnell. Die verantwortliche Hebamme wurde auf einmal nervös
und wies ihre Kolleginnen an, sofort den Gynäkologen und den Kinderarzt
anzurufen, das Baby komme. Beide schafften es nicht rechtzeitig, ich
musste nämlich nur 3-4 Mal pressen, und Silvan war da. Alles war ruhig im Geburtszimmer und irgendwie waren
alle gespannt, was nun geschieht. Silvan regte sich nicht und die
Hebamme legte ihn mir in den Arm. Dominik und ich schauten unser Baby
an. Ich wollte einfach nicht glauben, dass etwas mit Silvan nicht
stimmte. Er sah so friedlich aus, seine Augen waren offen und ich hatte
das Gefühl, er wolle uns jeden Moment etwas sagen. Das Personal liess
uns ein paar Minuten alleine. Nach einer Weile kamen mein Arzt und der
Kinderarzt zurück. Während sich Dr. K. um mich kümmerte, untersuchte
der Kinderarzt Silvan im Beisein meines Mannes. Anschliessend schlug die
Hebamme vor, Silvan zu waschen und anzuziehen. In dieser Zeit riefen wir
unsere Eltern und vor allem Noëmi an. Ich sagte ihr dass wir ihren
kleinen Bruder leider nicht nach Hause nehmen können. Sie fragte nur: Aber
darf ich ihn trotzdem sehen und im Arm halten? Ich versicherte ihr,
dass sie am nächsten Tag zu uns ins Spital kommen darf und damit war für
sie schon fast alles wieder gut. Ziemlich genau 1h Stunde nach der Geburt informierte
uns der Kinderarzt, dass Silvans Herz nun aufgehört hatte zu schlagen.
Er war jetzt im Himmel, an jenem Ort wo wir ihn eines Tages wieder sehen
werden. Wir machten noch ein paar Fotos und dann überliessen
wir Silvan der Hebamme. Da wir uns die Möglichkeit allfälliger
Analysen offen halten wollten, rieten uns die Ärzte, ihn über Nacht kühl
zu halten, damit sie am anderen Tag eine Gewebeentnahme vornehmen könnten.
Ich hatte von mehreren Frauen gehört und gelesen, die ihr totes Baby
bei sich behalten wollten, und ich konnte das sehr gut verstehen. Ich
selbst hatte allerdings nicht das Bedürfnis, Silvans leblosen Körper
die ganze Nacht neben mir zu haben. Er war bereits an einem schöneren
Ort, ohne Krankheiten und Schmerz. Dominik blieb noch ein Weilchen bei
mir und machte sich dann auf den Heimweg. Dass wir in jener Nacht nicht
sehr gut schliefen, versteht sich wohl von selbst. Am nächsten Morgen kamen Noëmi, Dominik, meine Eltern
und später auch meine Schwiegermutter in die Klinik. Auf der Anfahrt
machten sie noch halt in einem Babygeschäft, und Noëmi durfte ein
Pyjama und ein Plüschtier für Silvan aussuchen. Sie war froh, endlich
ihren kleinen Bruder im Arm halten zu dürfen und natürlich stellte sie
so manche Frage: Weshalb hat er
die Augen geschlossen? Weshalb atmet er nicht? Weshalb bewegt er sich
nicht? Bis sie dann auf einmal sagte: Ich
glaube Silvan ist müde und möchte wieder in seinem Bettchen schlafen.
Wir baten dann die Hebamme,
Silvan wieder abzuholen. Es war ein schlimmer Moment, als sie das weisse
Leintuch über sein Bettchen legte und ein letztes Mal mit ihm rausging.
Ich wusste, dass ich ihn nie mehr werde halten können und ihn nur noch
einmal in seinem Sarg sehen werde. Es gab dann noch ein paar administrative
Angelegenheiten zu erledigen und kurz vor Mittag durfte ich nach Hause
gehen. Ich wollte so schnell wie möglich raus aus der Klinik und heim
in meine eigenen vier Wände. Im Laufe des Nachmittags gingen meine
Eltern und meine Schwiegermutter nach Hause und ich war froh, alleine
mit meinem Mann und Noëmi zu sein. Ich weiss nicht, wie viel sie mitkriegte, aber ich bin
sicher dass es mehr war, als wir dachten. Als ich so vor mich hinweinte
umarmte sie mich und sagte: Mama
du musst nicht traurig sein. Du wirst ein anderes Baby im Bauch haben.
Es wird ein Mädchen sein und es wird gesund sein. Wie sehr ich mir
wünschte dass sie Recht behielt! Um uns ein bisschen abzulenken begannen wir mit Kärtchen
gestalten und die Beerdigung zu organisieren. Wir wollten das Ganze
nicht unnötig in die Länge ziehen und einigten uns auf Mittwoch, d.h.
drei Tage nach der Geburt. Die erste Nacht zu Hause war nicht sehr
erholsam. Noëmi war sehr stark erkältet, das Atmen bereitete ihr Mühe,
der Hals schmerzte und sie hustete stark. Ich musste mehrere Male nach
ihr schauen und war der Verzweiflung nahe. Am darauf folgenden Morgen
gingen wir sofort zum Kinderarzt. Da er uns ja zwei Tage zuvor begleitet
hatte, zögerte er nicht lange und verschrieb relativ starke
Medikamente. Er meinte, wir benötigten nun alle Ruhe und Noëmi sollte
doch einigermassen fit sein für die Beerdigung am nächsten Tag. Am Nachmittag fuhren wir nach Lausanne in die
Leichenhalle. Wir überliessen Noëmi die Entscheidung, ihren kleinen
Bruder ein letztes Mal zu sehen. Ohne zu zögern willigte sie ein
mitzufahren. Auch das war kein einfacher Gang. Anschliessend besprachen wir mit dem Diakon noch die
letzten Details für die Beerdigung. Wir wollten keine grosse Sache,
einfach eine kleine Ansprache auf dem Friedhof im allerengsten
Familienkreis (Eltern, Geschwister mit Partner und ein befreundetes
Paar). Am nächsten Tag war es dann leider schon soweit. Das Wetter
entsprach in etwa unserer Stimmung, immerhin regnete es nicht, während
wir auf dem Friedhof waren. Am Ende legten die Erwachsenen eine Rose und
Noëmi eines ihrer Lieblingsplüschtiere ins Grab. Wir hatten sie am
Morgen gefragt, ob sie Silvan eines ihrer Tiere geben möchte und ihr
versprochen, ein neues zu kaufen. Sie entschied sich für ihr
zweitliebstes Plüschtier und hat seither kein einziges Mal danach
gefragt, geschweige denn ein neues verlangt. Ziemlich sicher werden alle
Anwesenden nie vergessen, wie Noëmi Silvan ein Küsschen schickte und
beim Weglaufen zuwinkte. Ein paar Wochen später erhielten wir den endgültigen
Befund der Krankheit: Osteogenesis imperfecta Typ II (OI). Auf dem Röntgenbild
konnte man gut erkennen, dass praktisch alle Knochen Silvans gebrochen
waren. Dr K. vereinbarte uns einen Termin bei einem Professor für
Genetik. Da es sich um eine genetische Krankheit handelte, wollten wir
mehr zu Risiken einer weiteren Schwangerschaft erfahren. Der Professor
hat uns alles sehr gut erklärt, nur leider konnte er uns keine 100%
Garantie geben, dass sich das Ganze nicht nochmals wiederholen könnte.
Die theoretische Wahrscheinlichkeit einer Wiederholung liegt bei 4%.
Die Wissenschaftler seien sich in diesem Fall nicht ganz einig.
Er zähle eher zu denjenigen, die eine Mutation des Gens bei Silvan
vermuten. Es bestehe aber auch die Möglichkeit einer vererbten
Genkrankheit oder einer Inkompatibilität der Eizellen und Spermien. Um
das nachzuweisen, müssten allerdings komplizierte molekulare Test
durchgeführt werden. Sollten wir es wünschten, würde er sich auf die
Suche nach einem Institut in Europa machen, welches die Gewebeentnahmen
analysieren könnte. In der Schweiz gäbe es zur Zeit kein Labor, das
solche Tests durchführe. Zum Schluss gab er uns noch den „grossväterlichen“
Rat, uns diese Tests, die unter Umständen auch nicht eine 100%ige
Antwort liefern könnten, zu ersparen. Er würde einer weiteren
Schwangerschaft ziemlich bedenkenlos entgegen sehen. Nach
ein paar Tagen „hin und her“ beschlossen wir, diese Tests nicht zu
machen. Wir würden zu gegebener Zeit entscheiden, ob wir es nochmals
wagen oder nicht. Auch wenn die ganze Zeit nicht einfach war, haben wir
unseren Entscheid, die Schwangerschaft mit Silvan fortzusetzen, kein
einziges Mal bereut. Wir haben unser Möglichstes getan, aber es lag
nicht in unseren Händen. Die Wunden heilen nur langsam, aber ich wage
nicht daran zu denken, wie mir heute zu Mute wäre, wenn ich damals Nein
zu Silvan gesagt hätte. Wir haben viele Tränen vergossen und auch mehr
als 2 Jahre danach weinen vor allem Noëmi und ich immer noch ab und zu.
Dank unserem Ja zu Silvan können wir aber ganz natürlich über ihn
sprechen, was gerade auch für Noëmi sehr wichtig ist. Auf die Frage ob
sie Geschwister habe, antwortet sie ohne zu zögern: Ja
ich habe einen Bruder, aber er ist im Himmel weil er krank war. Noëmi hätte liebend gerne ein gesundes
Geschwisterchen. Sie hat in der Zwischenzeit begriffen, dass nicht alle
Knaben krank sind und betet jeden Abend: Gib
uns bitte einfach ein gesundes Baby, egal ob Mädchen oder Knabe. Ihr Gebet wurde erhört und ihr ihr (unser) Wunsch ging am 7. November 07 in Erfüllung. Thibaud ist kerngesund und wir sind alle überglücklich.
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