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Susanna
18.10.1996 - 22-12-1996
Nachdem wir vier Jahre lang versucht
hatten, eine Familie zu gründen, war ich endlich schwanger. Unsere Freude und
Begeisterung waren fast unglaublich. Dieses Kleine war bereits bestimmt, ein
ganz spezielles Baby zu werden.
Ich hatte eine perfekte
Schwangerschaft, keine Übelkeit, nur riesige Vorfreude und Ausgelassenheit.
Der Ultraschall in der 18.
Schwangerschaftswoche bestätigte, dass ein Baby in mir wuchs, doch es war zu
klein für sein Alter. Deshalb wurde mir vorgeschlagen, eine Woche später einen
weitern Ultraschall durchzuführen.
Bei der zweiten Untersuchung konnte
der Radiologe ein Glied eines Fingers nicht sehen, er erklärte mir, dass dies
ein Zeichen für das Down Syndrom sein könne. Er sah auch einen choroid
plexus cyst, ebenfalls ein Hinweis auf ein mögliches Down Syndrom. Man schickte uns in
die Hauptstadt, zu einem Spezialisten mit einem leistungsfähigeren
Ultraschallgerät.
Der Spezialist klärte uns über
verschiedene angeborene Missbildungen auf, er erwähnte sogar
" Trisomie18 " und sagte es sei eine Behinderung mit
tödlichem Ausgang, doch ich hörte im gar nicht zu. Ich hatte noch nie zuvor
davon gehört und war überzeugt, dass wenn unserem Baby etwas fehlen sollte,
dann lag es mit Sicherheit am Down Syndrom. Auch der dritte Ultraschall zeigte
die choroid plexus cyst, eine vergrösserte Nackenfalte, eine zweisträngige
Nabelschnur und zusammengeballte Hände. Der Finger, den der erste Radiologe
nicht finden konnte, war auf einmal da, dafür fehlte ein anderer. Das Baby war
klein für sein Alter.
Man sagte uns, die Chancen, dass
unser Baby das Down Syndrom habe, stünden 1 zu 10, deshalb liessen wir eine
Fruchtwasserpunktion machen. Wir verliessen das Krankenhaus erschüttert und
durcheinander. Ich versuchte mir einzureden, dass alles in Ordnung sei. Ich
konnte nicht glauben, dass etwas mit meinem Baby nicht stimmen sollte.
Auf der Fahrt nach Hause hatten wir
reichlich Zeit um nachzudenken. Wir begannen zu verarbeiten, was uns gesagt
worden war, und waren uns einig, dass es uns egal sei, ob dieses Kind am Down
Syndrom leide, wir würden es so oder so lieben.
Zwei Wochen später rief ich im
Krankenhaus an, um nach den Resultaten zu fragen. Der Arzt kam persönlich ans
Telefon, um mir zu sagen : " Sue, es tut mir leid, ich habe sehr
schlechte Nachrichten. Ihr Baby hat Trisomie 18. Das ist tödlich. Alle Babys
sterben daran. Ich kann Ihnen nur raten, so schnell wie möglich
abzutreiben. " Wir fuhren nach Hause mit der Überzeugung, dass wir
abtreiben mussten. Mein Frauenarzt versicherte uns, dass ein
Schwangerschaftsabbruch das Beste sei, was wir tun könnten, und sogar der
genetische Berater aus der Hauptstadt rief uns an. Er beharrte darauf, dass wir
unser Baby abtreiben sollten.
Wir redeten und redeten... weinten
und weinten... Und dann fühlte ich plötzlich diese vertrauten Bewegungen in
mir. In diesem Augenblick war meine Entscheidung gefällt : So lange dieses
Kind in mir leben würde, solange sein Herz schlagen würde, so lange würde ich
alles in meiner Macht Stehende machen, um ihm eine Chance zu geben. Ich rief
nochmals im Krankenhaus an, um das Geschlecht des Babys zu erfragen. Es war ein
Mädchen. Wir beschlossen, sie Susanna zu nennen.
Und so begann eine lange Wartezeit.
Es war eine Zeit voller Angst und
Sorgen. Würde sie bis zum Geburtstermin leben ? Was würde uns die Zukunft
bringen ? Wie würde die Geburt verlaufen ? Wir träumten von dem
" normalen " Kind das uns nicht gegeben sein würde.
Ich denke, wir hatten Glück im
Unglück. Man hatte uns einige schriftliche Informationen über die Trisomie 18
mitgegeben, so konnten wir ein bisschen etwas darüber lernen. Ich las diese
Blätter immer und immer wieder.
Als ich mich im Krankenhaus für die
Geburt anmeldete, erzählte ich auch der Hebamme in welcher Situation wir uns
befänden. Sie reagierte sehr einfühlsam und sympathisch. Sie half uns die
verschiedenen Möglichkeiten, die uns offen standen, einzuschätzen und gab uns
die Gelegenheit, zu entscheiden, welche Pflege wir für Susanna nach ihrer
Geburt wollten. Wir beschlossen, dass ihr alle Chancen gegeben werden sollten,
doch wir wollten nicht das " das Unausweichbare " verlängern. In
anderen Worten, sie sollte glücklich sein dürfen ohne Intensivstation.
Ich verbrachte meine Abende auf dem
Sofa sitzend, mit blossem Bauch, damit mir keine einzige Bewegung entging. Ich
wollte dieses zerbrechliche Leben in mir sehen und spüren, es war wie ein
Wunder, welch grosse Liebe ich für dieses kleine Wesen empfand, das noch nicht
einmal geboren worden war.
Auf Bitten meines Arztes willigte ich
in einen Kaiserschnitt ein, geplant für die 38. Woche.
Am Freitag dem 18. Oktober, um 13:15
Uhr wurde unsere kleine Tochter geboren. Sie wog 1990g.
Ich hörte ihren Schrei, als sie
herausgehoben wurde, diese Töne werden für immer in mein Gedächtnis gebrannt
sein. Sie trugen sie von mir weg, kamen dann aber zurück um uns mitzuteilen,
dass Susanna Schwierigkeiten hätte, alleine zu atmen. Solange sie Sauerstoff
bekam, war ihre Haut schön rosarot, doch sobald die Zufuhr unterbrochen wurde,
wurde sie blau. Die Röntgenaufnahme ihrer Brust war ohne Befund. Also wurde sie
ins Säuglingszimmer gebracht. Nachdem die Ärzte mich fertig versorgt hatten,
wurde ich auf ein Zimmer gebracht. Dort warteten bereits mein Mann, meine
Mutter, Dr M und Priester Eric auf mich. In ihrer Anwesenheit wurde unsere
Tochter auf den Namen " Susanna Kate " getauft.
Später sagte man mir, dass alle
gefürchtet hätten, Susanna würde nicht so lange leben, bis ich aus dem
Operationssaal entlassen worden wäre. Hätte Dr M ihr nicht andauernd
Sauerstoff gegeben, hätte sie es auch wahrscheinlich nicht überlebt.
Der Rest des Tages verlief ziemlich
turbulent. Susanne wurde mehrere Male blau, doch mein Mann oder eine
Krankenschwester gaben ihr jeweils etwas Sauerstoff, worauf es ihr schnell
besser ging. Ansonsten bekam sie keinerlei besondere Pflege. Kein Brutkasten,
sie lag neben mir in einem kleinen Bettchen. Man liess den Sauerstoff in meinem
Zimmer, für alle Fälle, doch nach dem ersten Tag brauchten wir ihn nie mehr.
Mein Versuch, Susanna zu stillen
hatte keinen Erfolg. So pumpte ich meine Milch ab und gab sie ihr mit einer
Flasche. Man sagte mir allerdings nicht, dass auch dies nicht gut klappte. Ich
hatte keine Ahnung, wie viel ein Neugeborenes trinken sollte, und die
Informationen die mir diesbezüglich gegeben worden waren, waren falsch. Ich
dachte, es ginge ihr prächtig, wo sie in Wirklichkeit zu wenig zu sich nahm.
Am fünften Tag konnten wir sie nach
Hause nehmen, wie ich immer geglaubt hatte. Sie wog gerade 1780g. Unsere erste
Nacht zu Hause war bang, doch verging ohne Probleme. Susanna schlief wie ein
Engel, wir allerdings nicht ! !
Sie zu füttern war sehr schwierig
und ungleichmässig. So lange es ging, versuchten wir ihr die Milch mit einer
Flasche oder Pipette zu geben, doch schliesslich wandten wir uns an die
Hebammen. Sie platzierten eine Sonde, um Susanne auf diesem Weg zu füttern.
Am 11. Dezember sahen wir den
Kinderarzt, der uns mit den harschen Worten empfang : " Es
sieht so aus, dass jetzt, wo ihr sie habt, ihr sie auch behalten
wollt ! " Es war ihre erste richtige Untersuchung, der Arzt
stellte fest, dass sie ein Herzmurmeln hatte, wahrscheinlich verursacht durch
ein Loch im Herzen. Das ist aber auch schon alles, was wir über ihren
Gesundheitszustand erfuhren, ausser natürlich die sichtbaren geballten Hände
und ihren Füssen, die die für Trisomie 18 typische Wiegenform hatten. Der Arzt
führte keine weiteren Tests durch, und schlug uns auch nicht einmal welche vor.
Eine Nasen-Magensonde wurde
definitiv platziert und man erklärte uns, wie wir damit umgehen sollten. Susanna schien
es besser zu gehen, auch wenn der Schlauch, der auf ihre Wange geklebt wurde,
sie störte. Beim nächsten Wägetermin hatte sie 60 g zugenommen, und wog nur
noch 90g weniger als bei ihrer Geburt.
Sonntag, 22. Dezember 1996
Dieser Tag begann anders als die
anderen. Wie verschieden er in der Tat sein würde, hätte ich nie voraussagen
können.
Susanna schlief die Nacht durch sehr
gut, so konnten wir bis um 9 Uhr im Bett bleiben. Normalerweise stand ich
morgens auf um Susanna zu füttern, und richtete mich danach selber. Doch an
diesem Tag blieb ich neben ihr sitzen, sah sie mir an und sang ihr
Weihnachtslieder vor, die meine Grossmutter immer sang. Später rief meine
Schwester an, und war erstaunt, wie fit Susanna heute war. Sie hatte sie noch
nie so lebendig gesehen. Sie lag in ihrer Liege, schaute um sich herum und
bewegte ihre Beinchen.
Um 9 Uhr abends bekam sie ihre letzte
Mahlzeit. Ich legte sie in ihre Wiege, sie schlief noch nicht, sondern lag
einfach so dort. Als ich die Wiege in unser Zimmer rollte, passte ihr das nicht.
So wickelte ich sie noch einmal und nahm sie dann zu mir. Ich bemerkte ihre
Augen, sie hatten einen sonderbaren Blick. Ich kann nicht beschreiben, wie es
war, doch ich wusste, etwas stimmte nicht. Dann hustete sie und hörte auf zu
atmen. Ich rief meinen Mann, der ihr den Schlauch aus der Nase zog. Wir
versuchten sie zu beatmen, doch es war zu spät.
Unser kleines Mädchen sollte nie
wieder einen Atemzug tun.
Es war 22:30 Uhr.
Sie war 9 Wochen und zwei Tage alt.
Susannas Fotos, besondere Geschenke,
Spielsachen, Videoaufnahmen und all meine niedergeschriebenen Erinnerungen sind
nun in einer hölzernen Schachtel, die mein Mann gemacht hat. Meine Mutter und
ich haben sie mit gemalten Bären dekoriert. Fotos von Susanna hängen in jedem
unserer Zimmer, die Erinnerung an die besonderen Tage mit ihr werden für immer
in unseren Herzen sein.
Ein Jahr nach Susannas Tod habe ich
eine bemerkenswerte Frau getroffen, Karen. Sie ist die Leiterin einer
Selbsthilfegruppe in Australien. SOFT (Support
Organisation For Trisomy). Durch SOFT habe ich andere Familien getroffen,
die ein Kind mit einer Trisomie haben. Diese Kinder sind alle verschieden, haben
verschiedene Behinderungen und Gaben, doch alle sind sie liebenswerte,
glückliche Kinder.
Man sagte mir damals, dass alle
Kinder mit Trisomie 18 sterben. Dass es nirgends ein lebendes Trisomie 18 Kind
gäbe. Diese Auskünfte waren grundlegend falsch. Es stimmt, dass viele Kinder
nach der Geburt nur kurze Zeit leben, doch andere überleben und werden
eigenständige Familienmitglieder, von allen geliebt.
Am 31. März 1999 wurden wir durch
die Geburt von Susannas kleiner Schwester Laura Kate gesegnet. Sie wog 3550g.
Und am 6. Juni 2001 kam noch ein neues Familienmitglied dazu, Clara Anna, 3650g.
Ausführliche englische Webseite mit
Kontaktmöglichkeit zu Susanna's Eltern: http://members.datafast.net.au/susan/susanna/susanna.htm
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2007 www.prenat.ch
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